Tagsüber versuche ich zu funktionieren.
Nachts beginne ich zu denken.
In diesen stillen Stunden kreisen meine Gedanken oft um den Menschen, der ich einmal war.
Nicht aus Nostalgie.
Sondern aus einer leisen Frage heraus, die sich immer wieder meldet.
In meinem letzten Eintrag habe ich dir bereits einen kleinen Einblick in mein jüngeres Ich gegeben.
Heute möchte ich einen Schritt weitergehen.
Nicht, um Vergangenes zu verklären – sondern um zu verstehen, was davon geblieben ist.
Wer ich damals war
Ich war nicht immer so nachdenklich.
Nicht so vorsichtig.
Nicht so müde vom Denken.
Mit siebzehn oder achtzehn fühlte sich das Leben weniger kompliziert an.
Nicht, weil es das war – sondern weil ich es nicht zerlegt habe.
Ich habe nicht lange über Konsequenzen nachgedacht.
Ich habe entschieden, gelebt, vertraut.
Damals war mein Leben laut.
Gefüllt mit Partys, Nächten, Gesprächen, die sich größer anfühlten als die Welt selbst.
Liebe war kein Risiko, sondern ein Versprechen.
Abenteuer kein Umweg, sondern der Plan.
Ich habe geglaubt, dass man sich selbst treu bleibt, wenn man sich treu fühlt.
Dass man nicht alles absichern muss.
Dass Zweifel leiser werden, wenn man ihnen keine Bühne gibt.
Vielleicht war ich naiv.
Vielleicht war ich einfach mutig.
Ich war unbequem.
Manchmal schwierig.
Nicht immer leicht auszuhalten – weder für andere, noch für mich selbst.
Falsche Freunde gehörten genauso zu mir wie echte Momente.
Entscheidungen, die ich heute hinterfrage, fühlten sich damals richtig an.
Und selbst wenn sie es nicht waren, haben sie mich nicht davon abgehalten, weiterzugehen.
Meine Familie hatte es nicht leicht mit mir.
Und ich mit ihnen.
Zwischen Erwartungen und Freiheitsdrang blieb wenig Raum für Verständnis.
Doch eines war ich damals fast immer:
bei mir.
Nicht perfekt.
Nicht klug in jeder Hinsicht.
Aber verbunden mit dem, was ich wollte – oder zumindest glaubte zu wollen.
Wenn ich heute an diese Version von mir denke, vermisse ich nicht die Partys.
Nicht die Nächte.
Nicht einmal die Leichtigkeit.
Ich vermisse den Glauben daran, dass es in Ordnung ist, einfach zu sein.
Was ich verloren habe
Ich kann nicht sagen, wann es passiert ist.
Es gab keinen klaren Moment, keinen Knall, kein Vorher und Nachher.
Nur ein langsames Verschwinden.
Ich habe mein Selbstbewusstsein verloren.
Nicht auf einmal – eher in kleinen Stücken.
Mit jeder Entscheidung, die ich hinterfragt habe.
Mit jedem Mal, das ich mich selbst zurückgenommen habe, um niemanden zu enttäuschen.
Ich habe den Glauben an die Liebe verloren.
Oder genauer gesagt: an die Version von Liebe, an die ich früher geglaubt habe.
Die einfache. Die mutige.
Die, die nicht ständig geprüft werden musste.
Vielleicht habe ich ihn mir selbst genommen.
Vielleicht war es nötig.
Vielleicht war es einfach zu viel.
Ich habe aufgehört zu träumen, ohne es wirklich zu merken.
Träume wurden zu Gedanken.
Gedanken zu Optionen.
Und Optionen irgendwann zu etwas, das man auf später verschiebt.
Später ist ein gefährliches Wort.
Was ich ebenfalls verloren habe, ist Leichtigkeit.
Dieses Gefühl, nicht ständig erklären zu müssen, warum man so ist, wie man ist.
Nicht ständig funktionieren zu wollen.
Nicht ständig zu überlegen, ob man genug ist – oder zu viel.
Und irgendwann habe ich auch das Vertrauen in mich selbst verloren.
In meine Entscheidungen.
In meine Gefühle.
Heute denke ich oft mehr, als ich fühle.
Und wenn ich fühle, zweifle ich daran.
Vielleicht ist genau das der größte Verlust.
Was ich meinem 18 jährigen Ich nicht sagen könnte
Um es mir einfacher zu machen, richtet sich der letzte Absatz direkt an mein jüngeres ich.
Ich könnte dir viel erzählen.
Über Verantwortung.
Über Müdigkeit.
Über all die Gründe, warum Dinge heute komplizierter wirken als damals.
Aber das Wichtigste könnte ich dir nicht sagen.
Ich könnte dir nicht erklären, wann du anfängst, an dir selbst zu zweifeln.
Nicht, wann du lernst, leiser zu werden, um niemandem im Weg zu stehen.
Nicht, wann Träume vorsichtig werden – und Hoffnung etwas ist, das man dosiert.
Ich könnte dir nicht sagen, wie es sich anfühlt, sich selbst zu vermissen.
Oder zu wissen, dass man irgendwo auf dem Weg etwas verloren hat, ohne genau zu wissen, was.
Vielleicht würde ich es auch gar nicht versuchen.
Vielleicht würde ich mich einfach neben dich setzen.
Zuhören.
Und hoffen, dass du dir etwas von dem bewahrst, was mir heute fehlt.

Hinterlasse einen Kommentar