Die ruhigen Momente meines Nachtdienstes nutze ich gerne, um meinen digitalen Rückzugsort ein Stück gemütlicher zu machen – so auch heute.
Diesmal möchte ich dir erzählen, wie es mir wirklich geht.
Das bedeutet, dass du zu den wenigen Menschen gehörst, denen ich einen Blick in die abgelegenen Winkel meines Kopfes erlaube.
Was sich wie ein Privileg anhört, ist in Wahrheit keines.
Wäre es nicht so schwer, jemanden zu finden, der wirklich zuhört, müsste ich meine Gefühlslage nicht in mir behalten – im Gegenteil.
Erinnerungen an ein früheres Ich
Bis zu meinem 17. oder 18. Lebensjahr war ich das personifizierte „Leben“.
Partys, Abenteuer, erste große Gefühle – all das stand ganz oben auf meiner Liste.
Trotz familiärer Schwierigkeiten habe ich mich selten davon abbringen lassen, ich selbst zu sein.
Auch wenn ich ehrlich sagen muss, dass ich meiner Familie damals in vieler Hinsicht Sorgen bereitet habe.
Falsche Freunde, von denen ich glaubte, sie wären die richtigen.
Mein heimlicher Cannabiskonsum, den viele in meiner Familie bis heute als verteufeln.
Und das Gefühl, das schwarze Schaf zu sein – vielleicht nie ausgesprochen, aber immer spürbar.
Doch um nicht abzuschweifen:
„Meinem Platz in der Familie“ werde ich einen eigenen Eintrag widmen.
Fragen, die bleiben
Wenn ich nicht im Dienst bin oder mich irgendwie ablenke, tauchen Fragen auf, denen ich kaum entkomme.
Fragen, die mein jüngeres Ich mir stellen würde – nicht wütend, sondern enttäuscht.
Wohin ist mein Selbstbewusstsein gegangen?
Wer hat mir den Glauben an die Liebe genommen, wenn nicht ich selbst?
Wann habe ich aufgehört zu träumen?
Warum belüge ich mich so oft?
Und die schwerste Frage von allen:
Wie konnte ich zu dem werden, was ich heute bin – ein grauer Punkt auf einem bunten Planeten?
Dass ich unzufrieden mit mir selbst bin, erkennt man wohl schnell.
Schwerer zu erkennen ist, wie gut ich darin geworden bin, es zu verbergen.
Dieses Verbergen ist Fluch und Segen zugleich.
Vor allem in meiner Familie überdecken mein Humor und mein Sarkasmus einen Schrei nach Hilfe, den ich kaum laut aussprechen könnte.
Gleichzeitig bin ich dankbar, dass sie mich so nicht kennen – denn auch sie tragen gerade genug.
Warum ich schweige
Die Scheidung meines Bruders und der Kampf um die Kinder lasten schwer auf meiner Mutter.
Wenn sie nicht ihre 12-Stunden-Schicht im Pflegeheim arbeitet, kümmert sie sich um alles, was dieser Streit mit sich bringt, oder passt stundenlang auf die Kinder meines Bruders auf.
Mein kleiner Bruder steckt mitten in seiner ersten Beziehung.
Meine Schwester ist mit ihrer eigenen Familie beschäftigt.
Und ich?
Ich möchte ihnen nicht auch noch zur Last fallen – besonders nicht meiner Mutter.
Ein kurzer Schluss für eine lange Nacht
Mein Dienst endet bald, also ziehe ich hier vorerst einen Punkt.
Im nächsten Nachtdienst wirst du wieder von mir hören – das verspreche ich dir jetzt schon.
Vielleicht kann ich dir dann von etwas Schönerem erzählen.
Vielleicht auch nicht.
Aber ich werde ehrlich sein.
Danke, dass du zuhörst. Wirklich.
